Wachsen und Schrumpfen                        

    

 

Er blickte zum Himmel hoch. Bald wird es Regen geben. Ein leichtes Hüsteln ließ ihn nach seinem Schal greifen, feines Kaschmir, mit Seide gefüttert. Der dicke Wollstoff seines dunkelblauen Crombie Coats wärmte gut an diesem ungemütlichen Novembertag, der einiges von ihm abverlangte. Nicht in den kühnsten Träumen rechnete er damit, dass ihm, dem Sonnenkönig, ein Nein von seinem Volk entgegen geschmettert wurde. Am 5. Tag in jenem Monat, wir schrieben das Jahr 1978, erhielt er die Antwort: Keine Atomkraft in Zwentendorf.

 

Ein Gedicht von Ingeborg Bachmann kam ihm in den Sinn:

 

Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,

ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner

des Laubs, das so leise war in den Büschen,

folgt uns jetzt auf dem Fuß.

 

Er bewertete dieses Nein als persönliche Niederlage. Als Verirrung seines falsch geleiteten Geistes. Trotz lockender Versprechungen konnte er diesen großen Haufen, sein Volk, für das er sich mit vollen Backen eingesetzt hat, nicht auf seine Seite bringen.

 

Auch Franka, die dem Volk angehört, war über die Abstimmung erleichtert. Ein Kind träumt unter ihrem Herzen und sie will es in ein Nest setzen, das nicht in die Luft fliegt. So wie das viele Geld, das in den Wind getragen wurde durch diesen Bau, der sich als sinnlos erwies.

 

Oftmals fragt sie sich, wie Menschen vom Liebhaben reden können und völlig gleichgültig der Zukunft ihrer Kinder und kommender Generationen gegenüber stehen. Was spielt sich ab in Menschengehirnen? Was hat sich dort eingenistet? Die Gier, die seit Menschengedenken in der Finsternis schlummert, scheint hervorzubrechen, überall aus dem Boden zu kriechen wie das Unkraut.

 

Der Sonnenkönig vergangener Jahre ist tot. Franka überlegt, was er wohl heute raten würde. Und wer uns den Weg ins Absurde lehrte, das den gesunden Menschenverstand völlig ignoriert. Wie eine Aufforderung zum Verzicht in unserer industriellen Gesellschaft, die auf Wachstum angewiesen ist, aussehen könnte? Niemand kann gleichzeitig wachsen und schrumpfen, oder doch? Kann es möglich sein, den Katastrophenkurs zu verlassen? Sie will sich aus dem Würgegriff der Konsumgesellschaft befreien, die ihre Freiheit und ihren Geist aussaugt mit den Rüsseln der Manipulation.

 

Sie blickt aus dem Fenster. Leise bricht die Nacht herein. Und mit dem ersten Stern, der wie ein Leitstern hoch oben aufleuchtet, begreift Franka, es kann nur ein inneres Wachsen geben. Und Schrumpfen verlangt, sich vom Verlangen nach Dingen zu befreien, die nach Erhalt ohnedies meist nur als Glück mit gebrochenem Genick herumliegen. 

 

 

23. April 2011, überarbeitet am 17. August 2015